Papiergeld.info

von Kai Lindman

 

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Vor einigen Tagen suchte ich einen ganz bestimmten Propagandaschein der Nationalsozialisten. Deswegen blätterte ich durch die entsprechenden Seiten meiner Sammlung und wunderte mich wieder einmal über den primitiven Hass, der sich in vielen, immer wieder variierten Slogans und Texten unverhohlen präsentiert.

Geldscheine als Träger politischer, wirtschaftlicher, humorvoller oder privater Informationen war keineswegs eine Erfindung der Nationalsozialisten. Schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts gab es viele derartige Scheine, wobei politische Aussagen eher die Ausnahme waren. Was sich aber mit dem Wachsen der NSDAP an Hetze über das deutsche Volk ergoss, war mit nichts bis dahin Bekanntem zu vergleichen. Besonders auffällig war dabei, dass die Schmähprofis der Nazis es nicht bei allgemeinen Aussagen beließen, sondern gezielt einzelne Personen attackierten. Am meisten agitierten die braunen Macher gegen die Minister Hilferding und Stresemann, sowie gegen die sechs „Sowjetjuden“ Karl Radeck, Levine Nissen, Zinovev (Owsej-Gerschen Aronowitsch Radomyslski-Apfelbaum), Leo Trotsky, Bela Kun und Dr. Alexander Helphand, genannt „Parvus“.

Ihre Konterfeis auf den Propaganda-Scheinen entsprichen genau der offiziellen Fratze, mit der man jüdische Männer einem bestimmten Typ zuzuordnen versuchte: langer, ungepflegter Bart, narbiges Gesicht, Hakennase. Die Karikaturen, die als Vorlage für die Scheine dienten, zeichnete Otto Konstantin Gottlieb (!) von Kursell, und sie stammen aus Alfred Rosenbergs 1921 erschienener antisemitischer Monograph „Die Totengräber Russlands“ mit Versen von Dietrich Eckhart. Kursell (1884–1967) war unter anderem Mitglied des Reichstags, Direktor der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste in Berlin-Charlottenburg, hochdotierter Künstler und aktiver und begeisterter Nazi. Dass diese Bilder mit dem tatsächlichen Aussehen der Männer wenig bis gar nichts zu tun hatten, störte nicht nur nicht, sondern war bewusst so gewollt und gemacht.

Alexander Parvus (Israel Lazarevich Helphand, 1867–1924, war ein russischer Revolutionär, der sich selbst als deutschen Sozialdemokraten sah. Sein Leben war gekennzeichnet von vielen Höhen und Tiefen, großen wirtschaftlichen Erfolgen, die ihn in die höchsten gesellschaftlichen Kreise Berlins führten, wo er auf der Schwaneninsel wohnte, und am Ende seines Lebens zum politischen Absturz. Aber auch als Revolutionär war er höchst erfolgreich und gefragt. So organisierte er 1917 zusammen mit dem deutschen Geheimdienst Lenins illegale Fahrt aus der Schweiz über Deutschland nach Russland, die letzlich zur Gründung der Sowjetunion führte.

Die vier Zeilen Beschreibung auf dem Propagandaschein zeigen eher den Neid der Nazis auf den erfolgreichen Millionär und international wohlbekannten Revolutionär, werden aber seinem abenteuerlichen Leben nicht im Geringsten gerecht. Umso dankbarer können wir sein, dass die beiden Autoren Winfried Scharlau und Zbiněk Zeman sich der Mammutaufgabe einer Biographie Helphands gewidmet haben, und dabei nicht nur das spannende Leben dieses höchst bemerkenswerten Mannes vor uns ausbreiten, sondern auch die politischen Ereignisse der Zeit um die Wende vom 19. ins 20. Jahrhundert ausführlich Revue passieren lassen.
Leider ist das Buch längst vergriffen, aber noch gibt es bei ZVAB ein paar Exemplare für Preise von 40 bis 110 Euro. Es geht zwar nie um Notgeld- und Banknoten-Themen, aber die geschichtliche Entwicklung dahin ist höchst spannend und ausführlich erzählt. Absolut empfehlenswert!


Winfried B. Scharlau und Zbyněk A. Zeman, Freibeuter der Revolution Parvus-Helphand, Eine politische Biographie, Köln 1964, DIN A5, 382 Seiten