Papiergeld.info

von Kai Lindman

ZaubergeldWünschen wir uns das nicht alle? Einmal die Taschen voller Zaubergeld und nach Herzenslust einkaufen gehen? Zwar wissen wir, dass sich solche Wünsche leider so gut wie nie erfüllen, aber davon träumen darf man auf jeden Fall. Besonders nahe am Wahrwerden unserer Träume sind wir in glücklichen Nächten im Schlaf oder tagsüber beim Besuch einer Varieté-Vorstellung, in der ein Zauberkünstler uns mit unglaublichen Tricks unterhält und das so überzeugend erscheinen lässt, dass wir fast geneigt sind – wider besseren Wissens – zu glauben, dass er tatsächlich lebende Tauben aus einem leeren Hut holt, seine bildhübsche Assistentin in zwei Teile sägt und unseren 10-Euro-Schein – großzügig und doch leicht zitternd dem Meister für den nächsten Trick zur Verfügung gestellt – in Flammen aufgehen lässt. Groß ist unsere Erleichterung, wenn am Ende der unerklärlicherweise unversehrte Schein wieder in unserem Portemonnaie landet, aus dem wir ihn doch bei der nächsten Gelegenheit hervorholen und weitergeben.

Aber alles Hoffen ist vergebens. Bei uns funktioniert der Trick nicht und der Schein bleibt für immer verschwunden. Wenn wir Glück haben, bekommen wir vielleicht wenigstens fünf Kilo Kartoffeln oder eine kleine Torte dafür. Im Varieté haben wir dagegen unseren Schein zurückerhalten und sogar noch eine Prise Illusion dazu. Was ist besser?

Die Magie des Geldes ist eine der besten Freundinnen eines Zauberkünstlers und seit fast zweihundert Jahren machen die Meister der schwarzen Kunst zur Verblüffung und Freude der Zuschauer gemeinsame Sache mit Münzen und Scheinen. Gute Magier waren schon immer auch gute Menschenkenner und so blieb es ihnen natürlich nicht verborgen, dass einfache Werbezettel für ihre nächsten Vorstellungen trotz großartigster Versprechungen und der Ankündigung der größten Sensationen nur wenig Aufmerksamkeit erregten und kaum Beachtung fanden. Wurden die Ankündigungen dagegen so gedruckt, dass sie einer aktuellen Banknote ähnlich sahen, wurden die Zettel interessiert studiert und selten weggeworfen, sondern oft mit nach Hause genommen. Also ließen und lassen sich viele Zauberkünstler ihre Werbezettel in Form eines Geldscheines drucken. Diese Scheine wurden aber nicht nur großzügig an die potentiellen Besucher der Vorführungen verteilt, sondern viele Unterhaltungskünstler verwendeten sie in ihren Programmen.

Hübsche Zettel! Was kann man denn mit ihnen machen? Mit einem? Nichts, außer ihn wegzuwerfen oder ganz weit hinten in der Schreibtischschublade zu verstecken und zu vergessen. Mit zweien oder dreien? Am besten auch gaaanz weit hinten in der Lade verstauen. Die Kinder werden erwachsen, man geht mal wieder gemeinsam in ein Varieté, und – siehe da! – zur Eintrittskarte gibt es einen Erinnerungsschein dazu. Die Show ist toll, der Meister übertrifft sich selbst und zu Hause holt Vater die in der Schublade angesammelten Schätze hervor. Erinnerungen werden wach. Zum Wegwerfen sind die Scheine jetzt viel zu schade. Vater denkt ein wenig nach, dann holt er aus seinem Spielzimmer ein leeres Postkartenalbum, die Scheine werden ordentlich in die Hüllen geschoben, und – Simsalabim! – eine neue Sammlung hat das Licht der Welt erblickt.

Nicht jeder Sammler hatte einen Vater mit einer unerschöpflichen Schreibtischschublade und nicht jeder hat Spaß an der Jagd nach neuen Exemplaren, erfreut sich aber doch an den bunten Scheinen. Nun, dem Menschen kann geholfen werden! Der Hamburger Wittus Witt, Sammler, Galerist, Verleger und selbst einer der Großen in der Zunft der Zauberkünstler, hat seit vielen Jahren die Scheine seiner Kollegen zusammengetragen. In diesem Jahr ergab es sich, dass er in seiner Hamburger Galerie in einer Ausstellung das Werk einer Künstlerin präsentierte, die sich schöpferisch mit Geldscheinen und ihrer Wirkung auseinandersetzt. (siehe papier•geld Heft 32-2020, Seite 30!) Was würde besser zu diesem Thema passen, als ein Katalog seiner Sammlung von Zauberer-Werbescheinen?

Gedacht, getan! In tage- und nächtelanger Arbeit entstand das Grundgerüst des neuen Buches. Allerdings stellte sich schnell heraus, dass die Sammlung trotz ihres Umfanges nur ein schmales Heftchen ergeben würde. Aber gab es da nicht noch ein paar Kollegen, die demselben Hobby frönten? Wittus Witt ließ ein paar Kontakte spielen und siehe da, der Bestand verdoppelte sich. Nun sah die Sache schon ganz anders aus. Und dann ereignete sich einer dieser Zufälle, die kein Autor in seinen Krimi einzubauen wagen würde: Ich, jawohl ich, war auf der Suche nach Informationen für einen Artikel über die Werbescheine von Bühnenkünstlern aus der Zeit von 1850 bis 1920. (siehe papier•geld Heft 32-2020, Seite 14), für den ich noch biografische Daten von Zauberern suchte. Da kam ich Wittus Witt mit meinen Fragen und meinen Scheinen gerade recht! Wie hätte ich mich weigern können, meine wenigen – aber alten – Exemplare für das „einmalige“ Projekt zur Verfügung zu stellen?

Es dauerte nicht sehr lange, bis ein frisch gedrucktes Belegstück des Werkes meinen Schreibtisch zierte. Ein herrliches Bilderbuch, in dem über 150 Scheine von mehr oder minder bekannten Zauberern aus aller Welt vertreten sind. Was soll ich über ein Buch schreiben, an dem ich (Eigentlich waren es ja meine Scheine.), wenn auch nur in geringem Umfang, mitgearbeitet habe? Nichts! Es gibt nichts mehr zu schreiben, denn das Buch ist einfach toll. Überzeugen Sie sich doch selbst. Wir freuen uns über jedes verkaufte Exemplar!


Herman Dufraing/Werner Kieselbach/Brian Lead/Wittus Witt, Zaubergeld – Funny Money, Hamburg 2020, Quartformat, 101 Seiten, über 150 farbige Abbildungen, kartoniert, deutsch/englische Einführung, ISBN 978-3-947289-56-1, 18,50 Euro